Wie sich der neue Netz-Standard als „heißer Scheiß“ ent­puppen könnte

5G kommt. Heute schon kann man in Berlin, München, Köln, Bonn oder Darmstadt mit Mega-Highspeed durch den Datendschungel surfen. Die Verheißungen, was uns die schöne neue Mobilfunk-Welt bringen wird, sind phänomenal: Autonomes Fahren, Künstliche Intelligenz, fühlende Roboter. – Doch ob sich der neue Standard tatsächlich je flächendeckend durchsetzen wird, ist noch gar nicht klar. Experten bezweifeln es. – Freuen wir uns zu früh auf das Wundernetz der Zukunft? – Was bringt 5G? Und wenn ja, wann?

Die Mobilfunk-Revo­lution

5G bedeutet viel mehr als nur schneller Handy-Empfang. Die fünfte Mobilfunk-Generation wird unser Leben revolutionieren. – So lauten zumindest die glänzenden Zukunftsaussichten des Mobilfunkanbieters Vodafone: Autonomes Fahren, Virtuelle Realität, selbstlernende Maschinen, medizinischer Fortschritt oder sogar Künstliche Intelligenz mit „siebtem Sinn“ verspricht der Mobilfunk-Konzern. Alles dank 5G.

Mit 5G startet das Zeitalter des taktilen Internets. Mobilfunk wird so bereit für die Fernsteuerung von Robotern. Dank extrem kurzer Latenzzeiten und robuster Verbindungen können wir Fabrik-Roboter, Autos oder Baumaschinen so koordinieren, dass sie Menschen sicher und effizient bei der Arbeit und im Alltag unterstützen.

Prof. Gerhard Fettweis, Vodafone Institut für Gesellschaft und Kommunikation

Science Fiction zum Flat-Rate-Tarif für alle? Selbst IT-ferne Dienstleistungsbranchen wie zum Beispiel die Pflege sollen laut Vodafone durch 5G revolutioniert werden:

Fast 2,9 Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig. Der Deutsche Pflegerat prognostiziert, dass bis zum Jahr 2030 etwa 300.000 Pflegekräfte fehlen werden. Wenn Roboter mit dem Menschen interagieren, können sie zum Freund und Helfer werden. Sie können Tätigkeiten erlernen und Menschen im Alltag unterstützen. Im Haushalt können sie dem Menschen Getränke reichen, die Spülmaschine starten oder die Haustüre auf- und abschließen.

Tobias Krzossa, Pressesprecher Vodafone

Dass Vodafone mit diesen Heilsversprechen große Visionen in die neue Funktechnik setzt, ist verständlich. Immerhin hat der Konzern satte 1,8 Milliarden Euro in die 5G-Lizenzen investiert. Neben den Konkurrenten Telekom, Telefónica und Drillisch ist der Mobilfunk-Riese nun berechtigt, die gehypten Frequenzblöcke mit staatlicher Erlaubnis nutzen zu dürfen. Dass dies nun eine neue Epoche der Technikgeschichte einläuten wird, ist allerdings nicht mehr als eine werbewirksame Prognose. 5G ist Zukunftsmusik.

Teils können wir noch nicht einmal erahnen, was noch alles möglich sein wird. Industrielle Maschinen, die untereinander kommunizieren, Daten austauschen und weiterleiten und sich autonom steuern, schaffen ungeahnte Anwendungsmöglichkeiten. Unternehmen werden experimentieren, manches wird sich als überflüssig oder unsinnig herausstellen.

Andreas Westhoff, Smart Mobile Labs GmbH

Dass für das immer wieder ins Rennen geworfene autonome Fahren 5G benötigt wird, ist zum Beispiel schon mal ein urbaner Mythos. Die EU Kommission hat sich bereits im Mai 2018 darauf geeinigt, dass für die Auto-zu-Auto-Kommunikation stinknormales, bereits heute verfügbares Wi-Fi von maximal 2,4 Ghz eingesetzt werden soll. Eine Netzabhängigeit solcher selbstfahrenden Systeme ist auch nicht im Sinn der Auto-Industrie. – Wer will sein Roboter-Auto schon von Funkloch zu Funkloch schieben?

Auch bei den meisten industriellen und agrarwirtschaftlichen Anwendungsfeldern wird in der Regel kein Hochleistungs-Datenverkehr oder Latenzen von wenigen Milisekunden benötigt. Sollte es so weit sein, dass jede Milchkuh ihre eigene IP-Adresse bekommt, wird auch sie es sicherlich verkraften, wenn ihr der Melkroboter mit einigen Milisekunden Verzögerung an die Zitzen greift.

Auch um mir von einem Androiden „Getränke reichen, die Spülmaschine starten oder die Haustüre auf- und abschließen“, wie Vodafone anführt, braucht es sicher kein 5G.

Während die Vorteile von 5G also noch gar nicht auf der Hand liegen, so sind viele Schattenseiten der verheißenen Mobilfunk-Technik hingegen bereits heute sehr konkret zu benennen. Die Utopien des neuen 5G-Standards könnte sich als heiße Luft entpuppen.

Superschnell, aber superteuer

Die Versteigerung der Funk-Frequenzen im Juni 2019 war die längste ihrer Art in der Mobilfunk-Geschichte. Sie dauerte zwölf Wochen und brachte dem Bund 6,55 Milliarden ein. Viel mehr als von allen Beteiligten ursprünglich erwartet. Das klingt zunächst gut, könnte am Ende aber dazu führen, dass die Mobil-Konzerne sich den geplanten Netz-Ausbau gar nicht so rasch leisten können.

In einem Positionspapier von Telefónica an die Bundesnetzagentur rechnet der Mobilfunkanbieter vor, dass der Konzern für eine flächendeckende 5G-Anbindung über 200.000 Mobilfunkstandorte in Deutschland betreiben und rund 76 Milliarden Euro investieren müsste. Eine Herausforderung, die gar nicht finanzierbar sei.

Die Kosten, die auf die Netzbetreiber mit 5G zukommen, haben vor allem mit den technischen Anforderungen des neuen Sende-Standards zu tun. Denn bis unsere Handys wirklich wie die schnellste Maus von Mexiko durch den Daten-Dschungel rasen, ist mehr vonnöten als ein paar Software-Updates und Kleingedrucktes im neuen Handy-Vertrag. Es müssen neue Sendeanlagen her. Und zwar eine ganze Menge.

Rohrkrepierer Milli­meter­welle

Aktuelle Funkmasten haben eine Reichweite von bis zu 20 Kilometern. Die versteigerten 5G-Frequenzwellen bewegen sich zwar vielfach schneller, doch damit sinkt auch ihre Reichweite. Erheblich. Sie liegt zwischn 40 und 400 Metern. Will man wirklich superschnelle Datengeschwindigkeiten erreichen von Frequenzen bis zu 30 Ghz, geht dem Signal schon nach wenigen Metern die Puste aus. Es ist so anfällig, dass es noch nicht einmal eine Glasscheibe durchdringt, geschweige denn eine Häuserwand. – Der Präsident des Branchenverbands der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche, Achim Berg, brachte es auf den Punkt:

Mit 5G lässt sich wirtschaftlich keine Flächendeckung herstellen. Im Durchschnitt müsste jeden Kilometer ein Sendemast aufgebaut, mit Glasfaser angeschlossen und mit Strom versorgt werden. Wir müssten einmal ganz Deutschland aufgraben, um die geforderte Flächendeckung herzustellen. Das ist schlicht nicht machbar und geht an den Realitäten des Mobilfunks vorbei.

Achim Berg, Präsident Bitcom

Bitcom-Chef Berg geht von rund 800.000 Sendemasten aus, die neu errichtet und mit Glasfaser verkabelt werden müssen.

Joanna Stern vom Wallstreet Journal testete im Sommer 2019 mit einem Samsung Galaxy S10 5G die neuen Möglichkeiten im Highspeed-Netz der USA, das bereits in wenigen größeren Städten in Betrieb ist. Ihr Test bestätigte die miesen Reichweiten in der Praxis. Zwar gelang der Download der kompletten letzten Staffel „Stranger Things“ der Journalistin in nur 34 Sekunden, die hohen Geschwindigkeiten konnten sie aber immer nur in direkter Nähe zum Sendemast erreicht. Und das nur bei gutem Wetter. Weder in Innenräumen noch in einigen Dutzend Metern Entfernung klappte es mit 5G.

Das größte Problem beim Praxistest war allerdings die Hitze-Entwicklung. Die Testgeräte mussten mehrfach mit Eis gekühlt werden, da sie sich sonst rasch wieder ins 4G Netz einwählten. – Eine Sicherheitsmaßnahme, wie der Journalistin von Samsung bestätigt wurde, damit das Gerät keinen Schaden nimmt. – Man arbeite daran.

Ihr ernüchterndes Fazit nach den ersten 5G Erfahrungen war jedenfalls: „5G ist zwar irre schnell, aber heißer Scheiß.

Wer es ausprobieren will: Auch in Deutschland ist 5G an wenigen Test-Standorten schon zu haben. Inklusive 5G-fähigem Smartphone und 12 GB Datenvolumen kostet das aktuell 79,95 Euro monatlich. – Wer dabei allerdings wirklich mit 900MBits pro Sekunde surfen will, hätte sein Datenvolumen bereits nach 13 Sekunden aufgebraucht. – Ein teurer Spaß.

„Na und?“, könnte der aufgeklärte Freifunker nun meinen: „Wem bei 5G schwindelig wird, der kann ja einfach bei seinem bisherigen Billig-Mobilfunk bleiben!“ – Das ist so leider nicht korrekt. Denn für die fünfte Generation müssen auch all jene blechen, die es gar nicht haben wollen.

Da sich 800.000 neue Sendemasten nicht von heute auf morgen aus dem Ärmel schütteln lassen, muss zunächst die bisherige 3G-Infrastruktur (UMTS) dran glauben. Sie wird umgerüstet. Innerhalb der nächsten Monate bis Ende 2020 wird 3G zugunsten der neuen Technik verschwinden.

Die meisten von uns nutzen bereits 4G und werden davon vielleicht nichts merken. Doch einem Bericht der Bundesnetzagentur folgend betrifft das Ende von 3G in Deutschland immerhin 57 Millionen Handy Kundinnen und Kunden. Denn vor allem viele günstigen Discounter-Verträge können heute noch gar nicht auf 4G (LTE) ausweichen. Die betroffenen Handy-Sparer werden wohl oder übel auf teurere Verträge wechseln müssen.

Nach den Zahlen des Verbandes der Telekommunikations- und Mehrwertdienstleistern ist davon auszugehen, dass so 80 Millionen Geräte auf dem Schrott landen werden; dazu zählen auch 3G-Navis, vernetzte Rauchmelder oder Alltagsgeräte wie netzfähige Saugroboter. — Aus der Perspektive der Nachhaltig ist damit die 5G Umstellung eine Katastrophe.

Auch im Energieverbrauch macht 5G keine Öko-Schnitte: Zhengmao Li, Vize-Präsident von China Mobil, dem größten Mobil-Anbieter der Welt bestätigte, dass sich mit der Umstellung auf die neuen Übertragungsraten in China der Energiebedarf für das Funknetz mindestens verdreifacht habe.

5G für alle!

5G ist ein Politikum. In allen Wahlprogrammen der Bundestagswahl 2017 spielte dieses Thema ein Rolle und wird es wohl auch in Zukunft tun. Bekanntlich liegt die Qualität des Deutschen Netzes im internationalen Vergleich auf den letzten Plätzen und gefährdet damit auch unseren Wirtschaftsstandort. Die Angst vor dem digitalen Abgehängtwerden ist daher groß. Tatsächlich muss sich die Heimat von Heinrich Hertz in puncto Funkfreundlichkeit geschlagen geben von Ländern wie Albanien, Pakistan oder Kambodscha. Unser Netz ist ungefähr so gut wie das Kolumbiens.

Deutschlands Mobilfunk-Wüste ist leider nicht nur peinlich schlecht in Sachen Empfang. Wir zahlen dafür auch noch am meisten. Ein Gigabyte Datenvolumen kostet hierzulande rund 6,14 Euro. In Schweden ist es die Hälfte, nämlich 3,23 Euro. In Frankreich 1,64 Euro, in Finnland 1,02 Euro; in Polen ist dieser Datensatz für weniger als 12 Cent zu haben.

Der Grund für diese katastrophale Bilanz liegt übrigens weit zurück. In den Achtzigern. Er ist simpel. Zu Beginn der Mobilfunk-Ära strengte der damalige Postminister Christian Schwarz-Schilling mächtige Investitionen in Kupferkabel anstatt in das damals schon zukunftsweisende Glasfaser-Netz. Mit dem Ergebnis, dass wir heute beim Netzausbau um Jahrzehnte zurückhinken. Schwarz-Schillings Vorliebe für die antiquierte Technik: Er war Miteigentümer einer Kupfer-Kabel-Firma. So einfach sind manchmal die Zusammenhänge. — Ein „Festival der Lobbyisten“ nannte der Spiegel den Beginn unserer Mobilfunkgeschichte schon damals, als Handys noch so groß waren wie Schuhkartons.

Doch da es bei der Krankheit unsres Netzes vor allem um die schlechte Flächendeckung und die vielen Funklöcher geht, so wird auch der 5G Standard uns hier nicht retten können. Wie gesagt: Dafür reicht die Sendeleistung der kurzen Wellen überhaupt nicht aus; es sei denn, wir wollen an jede Straßenlaterne einen Mobilfunkmast dübeln. – Hier ist der 4G Standard mit seinen deutlich stabileren Reichweiten und einer besseren Durchdringung viel geeigneter, um Strecke zu machen.

Politische Forderungen in der 5G-Debatte, wie sie zum Beispiel Enrico Komning von der AFD vertritt, sind daher weder realistisch noch sinnvoll:

Wir brauchen 5G als wichtige Zukunftstechnologie dringend gerade auch in den ländlichen Räumen. Wie sollen denn die Menschen und die kleinen und mittleren Unternehmen in Wolgast, Anklam, Friedland und Pasewalk, geschweige denn auf den Dörfern sich auf das neue digitale Zeitalter einstellen können, wenn ihnen dazu nicht einmal die grundlegenden Technologien zur Verfügung stehen? Wie sollen diese Gegenden fit und attraktiv für Unternehmer werden und wie sollen hier endlich die dringend benötigten Arbeitsplätze entstehen, wenn die Digitalisierung an den Grenzen der Großstädte endet?

Enrico Komning, AFD

Dabei sieht es so düster gar nicht aus für die deutsche Industrie. Tatsächlich bringt der 5G Standard nämlich eine Neuerung, die ganz unabhängig vom Mobilfunknetz ist. Das Spektrum von 3,6 Ghz wurde bei der Lizenvergabe frei zur Verfügung gestellt für Industreianwendungen. Konzerne können sich also bereits heute für ihre Produktionsstätten – ähnlich einem herkömmlichen W-Lan-Netz – ihr eigenes, geschlossenes 5G-Netzwerk selbständig einrichten. Eine intelligente Lösung, die von der deutschen Industrie sehr begrüßt wird und sie unabhängig vom Netzausbau macht.

Das ermöglicht es Unternehmen, an Produktionsstandorten eigene, lokal begrenzte 5G-Industrienetze zur Kommunikation zwischen Maschinen, Systemen und Anlagen zu betreiben. Dadurch ist gewährleistet, dass industrielle Betreiber über den Zeitpunkt des Ausbaus und die Qualität des 5G-Netzes entscheiden sowie Verfügbarkeit, Vertraulichkeit und Integrität ihrer Daten wahren. Von vornherein industriefähig ausgestaltet, sichert der neue Mobilfunkstandard die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland.

Pressemitteilung Verband der chemischen Industrie

Und was ist nun mit uns Nomalverbraucherinnen und -verbrauchern? Den Nutzern in Wolgast, Anklam, Friedland und Pasewalk? Wann kommt 5G für alle? Und ist das denn jetzt überhaupt sinnvoll?

Was uns Schokomuffin-Rezepte-Downloader und Katzenvideo-Liker betrifft, so ist 5G zunächst eines: Ein Lifestyle-Produkt der Kommunikations- und Unterhaltungs-Industrie. Luxus. Es wird sich so rasch entwickeln, wie es uns die Mobilfunk-Industrie als notwendiges Bedürfnis verkaufen kann.

Als Web-Entwickler weiß ich allerdings: Die Geschwindigkeit, mit der man eine Internetseite auf seinen Touchscreen laden kann, hängt vor allem von der Ökonomie der Seite selbst ab. Schlanker Code und clevere Komprimierung können in der Regel die meisten Netzanwendung ausreichend schnell machen. Hier steckt eine Menge Highspeed-Potential. 5G ist da in diesem Sinne kontraproduktiv. Die fünfte Generation des Mobilfunks wird wohl eher zu noch mehr unnötigem Datensalat führen, den wir durch den Äther jagen. – Und ob das Streaming eines Videos 1000 mal schneller stattfinden muss, als ich es überhaupt anschauen kann, ist für mich fraglich.

Nach dieser Recherche ist mir zumindest klar geworden: Ich – und vermutlich auch der Pflege-Roboter, der dann ab 2048 meine Spülmaschine bedient – brauchen sicher noch einige Innovationen, um in der digitalen Welt von morgen auch noch klarzukommen: 5G ist es nicht.

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