Wie Apple mit Aug­­men­­ted Re­ality un­sere Wir­k­lich­­keit er­weitern will

Das iPhone gilt als das erfolgreichste Produkt aller Zeiten. Es machte Apple zu einem der wertvollsten Unternehmen der Welt. Doch seit 2018 sinken die Absatzzahlen. Glaubhaften Gerüchten zufolge schmieden die Apple-Bosse bereits an etwas „Großem“, das „uns alle umhauen“ wird. Das geplante Produkt könnte das Smartphone, wie wir es heute kennen, schon in zehn Jahren überflüssig machen.

Ein Apfel schreibt Ge­schichte

Jeder kennt sie: Die schicken IT-Geräte mit dem Apfel-Logo. Dabei war Gründer Steve Jobs sich 1976 noch gar nicht so sicher, ob das der richtige Name für ein IT-Unternehmen sei. Doch weil auch seinen Partnern Steve Woszniak und Ron Wayne nichts Besseres einfiel, blieb es dabei:

Ich praktizierte mal wieder eine meiner Obst-Diäten. Ich war gerade von der Apfelplantage zurückgekehrt. Der Name klang freundlich, schwungvoll und nicht einschüchternd. „Apple“ nahm dem Begriff Computer die Schärfe. Zudem würden wir künftig vor „Atari“ im Telefonbuch stehen.

Apple-Gründer Steve Jobs

Konkurrent Atari musste die Produktion seiner damals bereits sehr erfolgreichen Heimcomputer-Serie 1991 wieder einstellen. Apple hingegen wurde nach dem Start mit dem ersten Personal Computer der Welt zu einem der größten IT-Konzerne überhaupt. Der Mega-Erfolg des Apfel-Konzerns gründet sich aber vor allem in einem Produkt: Dem iPhone.

Der Höhenflug des iPhones startete 2007. Er war rasant. Bereits 2012 galt das Prestige-Smartphone als das zweithäufigst verkaufte Produkt der Welt. Gleich nach dem Rubik-Würfel, noch knapp vor Harry Potter und Michael Jacksons Thriller-Album. Das intuitive Bedienkonzept, die Betriebssicherheit, das schicke Design und die fortschrittliche Technik machten das Handy zum Verkaufsschlager. Und zum Status-Symbol. Am 27. Juli 2016 ging das Milliardste iPhone über den Ladentisch. Damit galt das Handy als das am häufigsten verkaufte Produkt aller Zeiten.

Doch dubiosen Gerüchten um ein geheimes Treffen der Apple-Bosse Mitte November 2019 zufolge, von denen der IT-Blog „The Information“ glaubwürdig berichtete, will Jobs Nachfolger Tim Cook sich bald von der Smartphone-Branche verabschieden. Damit würde die Geschichte des iPhone zu Ende gehen. Das ist vielleicht überraschend. Es ist aber keineswegs unplausibel, schaut man sich die aktuelle Entwicklung des damaligen Super-Smartphones an.

Das iPhones ist tot // Es lebe die Aug­mented Reality

Das iPhone hat nicht mehr den Status, den es einst hatte. Seine Verkaufszahlen befinden sich im Sinkflug. Sie liegen heute etwa auf dem Niveau von 2013. Zu dicht sind die Mitbewerber aufgerückt. Der große Fortschritt in Design, Bedienbarkeit und Technik, mit dem das iPhone 2007 gestartet war, ist seit einigen Jahren nicht mehr zu halten. Mehrere Skandale um künstlich verkürzte Akkulaufzeiten, Datenschutzlecks, menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und mangelnde Robustheit setzten Apple zu. Der Konkurrenzkampf ging Ende 2018 sogar bis zum einstweiligen Verbot des iPhone Verkaufs, weil der Chip-Hersteller Qualcomm Plagiate im technischen Design nachweisen konnte.

Bereits in der Vergangenheit hat sich Apple immer neue High Tech-Produkte einfallen lassen. Neben dem iPad brachte das Unternehmen die Apple Watch, den Homepod-Lautsprecher, Apple TV oder Musik-Streaming-Abos heraus. Über 60% der Umsätze trägt jedoch nach wie vor das iPhone.

Es verwundert nicht, dass die Apple-Bosse um eine zukunftsfähige Alternative ringen. Glaubt man dem Apple-CEO Cook, gibt es hier schon vielversprechende Pläne. Auf einer Auktionärsversammlung im März 2019 kündigte er etwas Großes an und sprach von „nie dagewesenem Optimismus“, von einer „neuen Saat“, einem „neuen Spiel“, von etwas, das „uns alle umhauen wird.“

Das neue Steckenpferd, so sind sich Insider sicher, soll eine Augmented Reality-Brille werden.

CEO Tim Cook äußerte sich bereits, er sei fest davon überzeugt, die neue erweiterte Wirklichkeit „wird die Art und Weise, wie wir Technik nutzen ein für allemal verändern.“ — Auf der Apple-Internetseite liest sich Cooks Prophezeihung einer neuen High Tech-Epoche wie ein Gedicht:

Stell dir vor, dass die Grenze zwischen dem Virtuellen und dem Realen einfach nicht existieren würde. Dein Klassenzimmer könnte zum Kosmos werden. Die Vergangenheit könnte so lebendig wie die Gegenwart sein. Und was bekannt ist, könnte vollkommen neu aussehen. – Mit dem iPhone und dem iPad sind diese Erfahrungen nicht nur möglich – es gibt sie schon. Augmented Reality ist eine neue Art, Technologie zu nutzen. Sie verändert, wie du arbeitest, lernst, spielst und mit fast allem um dich herum interagierst. Und das ist erst der Anfang. – Willkommen in einer neuen Welt.

Apple Werbetext

Mit vollem Durchblick in die virtuelle Zukunft?

2017 sickerte durch, dass Apple an einem Augmented-Reality-Headset arbeite. Es hätte in diesem Jahr auf den Markt kommen sollen. Nun will sich der Konzern bis 2023 Zeit lassen. Bereits seit einiger Zeit kaufte das Unternehmen systematisch kleine Tech-Firmen und Startups auf, die sich um Innovationen auf diesem Sektor verdient gemacht haben.

Doch was ist eigentlich so eine Augmented Reality-Brille? – Mittels einer Mini-Projektion vor den Augen werden Informationen direkt auf die Brillengläser gespielt. Der Unterschied zu den Virtual Reality-Brillen, wie man sie vor allem von Computerspiel-Anwendungen kennt, ist hier, dass es nicht darum geht, sich in geschlossene Computer-Welten abzuschotten. Bei der Augmented Reality behält man den vollen Durchblick. Die Projektion liefert lediglich zusätzliche Informationen in Form von Beschriftung, eingeblendeten Icons oder Grafik mitten ins Sichtfeld auf die reale Außenwelt.

2013 versuchte Google bereits solche visionären Gadgets unter dem Produktnamen „Google Glass“ unters Volk zu bringen: Verbunden mit dem Smartphone zeigte ein kleines Sichtfenster auf Augenhöhe Uhrzeit, Kurznachrichten oder App-Infos an. Die Nachfrage war gering; 2015 nahm Google sein Zukunftsprodukt wieder vom Markt.

Nüchtern betrachtet klingen auch Cooks Anwendungsbeispiele weitaus prosaischer als die schillernden Werbeversprechen. So erwähnte der Apple-Chef, die Möglichkeit, sich seine Couch mit jedem beliebigen Bezug bereits ins Wohnzimmer zu schauen, noch ehe man sie überhaupt gekauft hat. Es sei auch denkbar, im Sport-Stadion zu sitzen und sich zeitgleich Spielstatistiken vor die Linse zu blinken; vor allem im Schul- und Bildungsbereich gäbe es denkbare Anwendungen. — Reicht das als visionäres Zukunftsversprechen einer ganz neuen IT-Ära, die uns alle von den Socken hauen soll? Denn potentiell sind solche Anwendungen auch auf dem Smartphone möglich. Wer Lust hat, kann die „Ikea Place App“ schon heute ausprobieren. Auch ohne AR-Brille.

Willkommen in einer neuen Welt // Kommt bald die AR-Cloud?

Wenn man das echte Potential der Augmented Reality ahnen will, braucht man ein wenig Zukunfts-Phantasie. Zum Beispiel so wie Katrin Brunner von der Universität der Bundeswehr München. Sie sprach auf der Social Media Conference in Hamburg kürzlich zu diesem Thema. Am Lehrstuhl für Digitales Marketing und Medieninnovation forscht sie darüber, „Welchen Mehrwert bietet AR?“

Ein wichtiger Punkt ist das Marketing, so Brunner. So könnte der Kunde live im Laden individuelle Informationen über seine Lieblingsprodukte in die Brillengläser eingespielt bekommen. Auch virtuelle und personalisierte Werbeplakate vor unseren Haustüren sind denkbar. — Wen der Gedanke jetzt schon nervt, darf auch in die umgekehrte Richtung denken: Anzeigen-Blocker für die reale Welt. Erste Experimente in diese Richtung gab es bereits mit AdBlock plus für Google Glass. Hier konnten am Time Square in New York die Werbeplakate über den Blick durch die Computer-Brille einfach abgeschaltet werden. Die Smartphone-App WallaMe ermöglicht bereits heute virtuelle Graffiti an reale Wände. — Jeder Shit-Storm wäre umso spaßiger, wenn man einfach die ganze wirkliche Stadt mit unfletigen virtuellen Botschaften beschmieren könnte.

Besonders spannend wird es dort, wo man Augmented Reality und Soziale Medien kombiniert. Vielleicht laufen wir alle bald mit virtuellen Labeln über den Häuptern durch die Straßen. Hier könnten wir durch die Brillen der anderen Informationen über uns preisgeben, die wir gerne mit der Öffentlichkeit teilen möchten: „Hallo! Was für ein Zufall. Darf ich mich kurz vorstellen? Ich habe gerade in meiner Brille gelesen, sie kennen meine Frau …“. — Nie mehr müssten wir einen Namen vergessen, weil die AR-Brille uns das Gegenüber stets mit den gewünschten Infos labelt. Man denke an die Dating-App der Zukunft, die uns auf der Straße alle jene Menschen rot markiert, die der App-Algorithmus als potentielle Partner entlarvt. Das wäre doch innovativ: Zum Daten sich nicht mehr vor den Bildschirm kleben müssen, sondern nach draußen in die reale Welt gehen. Oder den Lieblingsroman einfach virtuell auf den Abendhimmel projiziert lesen. Gemeinsam mit dem lebensechten Avatar des Partners auf einer Parkbank sitzen, obwohl man eigentlich Kilometer weit getrennt ist. — Auch das wäre denkbar.

Technisch ist es allerdings so: Damit die Computer-Brille der Zukunft sich in der Wirklichkeit tatsächlich zurecht findet, braucht es ein — am besten millimeter-genaues — dreidimensionales Abbild der wirklichen Welt, auf dessen Daten die Brille zugreifen kann. Eine digitale Infrastruktur. Es gibt ja bereits die satellitengestützte Geo-Lokalisation, die wir alle aus dem Auto-Navi kennen. Doch für eine Orientierung an jedem Blickpunkt, vor allem in Innenräumen, ist dieses Abbild viel zu ungenau. Für eine funktionstüchtige AR-Orientierung muss die Wirklichkeit neu vermessen werden. Am einfachsten wäre dies durch die Datensammlung der Brillen selbst. Sie zeichnen jeden Blick auf und schaffen so gemeinsam im Netz-Verbund ein virtuelles Modell der realen Welt: Die AR-Cloud. Eine detailgenaue digitale Spiegelwelt. — Dies könnte im einfachsten Sinn ein dreidimensionales Gitternetz-Modell sein, vielleicht sogar ein fotorealistisches Abbild, oder gar ein sekundengenau erneuertes Live-Bild, das durch den Datenabgleich aller zur Verfügung stehenden Kamera-Bilder zustande kommt.

Der Tech-Gründer Matt Miesnieks ist überzeugt, dass AR erst dann Sinn macht, wenn es solch ein Abbild der Wirklichkeit gibt. Er arbeitet mit seinem Silicon-Valley-Startup 6D.ai an den Möglichkeiten, die AR-Cloud zu realisieren.

Wenn wir danach fragen, was das wertvollste Vermögen der heutigen IT-Branche ist, denken wir vielleicht an Googles Such-Index, Facebooks Sozial-Daten oder Amazons Vertriebs-Kette. Ich denke in 15 Jahren wird es einen anderen Wert geben, der mindestens so lukrativ ist: Die AR-Cloud, die heute noch gar nicht existiert.

Matt Miesnieks

Ist es also vielleicht gar nicht allein die technische Realisation einer weiteren AR-Brille, die Apple-Visionär Tim Cook so geheimnisvoll als „die neue Saat“ bezeichnet, die die „Art und Weise ein für allemal verändern wird, wie wir Technik nutzen.“ — Plant Apple die AR-Cloud? — Möglich.

Wird ein Konzern diese AR-Cloud besitzen? Die Geschichte hat uns gezeigt, dass das denkbar ist.

Matt Miesnieks

In diesem Fall, könnte die neue AR-Cloud tatsächlich eine ganz neue Technik ermöglichen, die Apple Milliarden beschert. Miesnieks bringt auf den Punkt, was Cook in seinen Werbeversprechen bislang nur andeutet; nämlich worin der qualitätive Durchbruch der Augmented Reality eigentlich liegt.

Bislang war in der Geschichte jeder mediale Fortschritt von der Höhlenmalerei bis zum 3D-Kino nur ein gradueller. Die Augmented Reality könnte aber eine ganz neue, nie dagewesene Qualität schaffen:

Das erste Mal könnten wir Medien als Teil der realen Welt wahrnehmen. Das neue Merkmal ist der Kontext. Er ist sinnlich, dynamisch, interaktiv. Um den Unterschied klar zu machen: Wenn man Star Wars erlebt, im Kino oder auch in einer virtuellen Brille, dann ist man auf der Flucht zu einer anderen Galaxie, wo man in einem fremden Universum gefangen ist. Die Herausforderung ist es allerdings, Star Wars in eine erweiterte Realität zu bringen, die nicht bloß eine Erzählung ist. Jetzt erst werden wir mit einer dissonanten Verschiebung unserer Wahrnehmung konfrontiert: Was macht R2D2 in meiner Küche? — Es geht darum, die Dinge in einen neuen Zusammenhang zu stellen.

Matt Miesnieks

Wir dürfen gespannt sein. R2D2 in meiner Küche. Dafür könnte ich mich tatsächlich begeistern: „Willkommen in einer neuen Welt.“ — Lang dauerte es laut Apple nicht mehr.

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